KI bei Elektro-Ausschreibungen: vom Leistungsverzeichnis zur Rückfragenliste
Wie Elektro- und TGA-Betriebe KI für die Angebotsvorbereitung einsetzen können: mit einem konkreten Beispiel, einer kopierbaren Arbeitsanweisung und klaren Prüfschritten.
Ein neues Leistungsverzeichnis liegt vor. Dazu kommen Pläne, eine Baubeschreibung und mehrere Anlagen. Bevor ein Elektrobetrieb einen Preis anbieten kann, muss er verstehen, was tatsächlich verlangt wird. Welche Leistungen gehören dazu? Welche Bedingungen beeinflussen die Montage? Wo fehlen Angaben?
Für diese Vorbereitung lässt sich ein KI-Assistent gezielt einsetzen: Er kann aus lesbaren Unterlagen einen ersten Überblick und Vorschläge für Rückfragen erarbeiten. Wie brauchbar das Ergebnis ist, hängt vom Werkzeug, den Dokumenten und der Aufgabenstellung ab. Der folgende Ablauf zeigt einen möglichen Einstieg für Elektro- und TGA-Betriebe.
Das Ziel für den ersten Einsatz: Eine prüfbare Liste offener Punkte. Jede Feststellung soll eine Fundstelle haben; jede Vermutung muss als solche erkennbar sein.
Mit einer überschaubaren Aufgabe anfangen
Beginnen Sie mit einem einzelnen Gewerk oder einem klar abgegrenzten LV-Abschnitt. Beispielsweise mit dem Austausch einer Beleuchtungsanlage. Damit können Sie fachlich beurteilen, ob die KI die Unterlagen richtig erfasst.
Ein sinnvoller Arbeitsauftrag umfasst drei Ergebnisse:
- Leistungsüberblick: Welche Lieferungen, Montagearbeiten und Abschlussleistungen sind ausdrücklich beschrieben?
- Ausführungsbedingungen: Welche Angaben gibt es zu Arbeitszeiten, Zugang, Bauabschnitten und laufendem Betrieb?
- Rückfragen: Welche Punkte sollten vor der Kalkulation geklärt werden?
Die KI erhält damit eine konkrete Aufgabe. Das Ergebnis lässt sich am Original prüfen und anschließend in die eigene Angebotsbearbeitung übernehmen.
Die Unterlagen für die Auswertung vorbereiten
Stellen Sie zunächst fest, welche Dateien zum aktuellen Ausschreibungsstand gehören. Benennen Sie sie eindeutig, etwa „LV Elektro, Stand 01.10.“ und „Baubeschreibung, Stand 28.09.“. Bei ergänzenden Unterlagen muss erkennbar sein, auf welchen Teil der Anfrage sie sich beziehen.
Prüfen Sie auch, ob das gewählte Werkzeug die Dateien tatsächlich lesen kann. Bei gescannten PDFs ist Texterkennung erforderlich; deren Ergebnis kann Fehler enthalten. Kontrollieren Sie vor allem Positionsnummern, Mengen, Einheiten und Zuordnungen zwischen Zeilen. Eine GAEB-Datei lässt sich ebenfalls nur mit einem Werkzeug verarbeiten, das das betreffende Format unterstützt. Bei einer Umwandlung in Text oder Tabellen müssen Struktur und Inhalte kontrolliert werden.
Für die erste Aufgabe genügt häufig der relevante Textausschnitt zusammen mit den zugehörigen Vorbemerkungen. Pläne, Details oder Anlagen, die nicht ausgewertet wurden, sollten ausdrücklich als ungeprüft gelten. „Im übergebenen Ausschnitt nicht gefunden“ ist eine genauere Aussage als „in der Ausschreibung nicht vorhanden“.
Vor der Übergabe echter Projektunterlagen muss geklärt sein, welches KI-System im Unternehmen dafür freigegeben ist und wie es die Daten verarbeitet. Das BSI benennt die mögliche Offenlegung eingegebener Informationen als ein Risiko generativer KI-Dienste. Für einen ersten Versuch können Sie stattdessen das fiktive Beispiel im nächsten Abschnitt verwenden. Hintergrund: BSI zu Chancen und Risiken generativer KI.
Ein Beispiel: Beleuchtung in genutzten Büroflächen
Die folgenden Angaben sind frei erfunden. Sie dienen dazu, den Ablauf nachvollziehbar zu machen.
Dokument A – LV-Auszug, Position 01.010:
96 LED-Leuchten liefern, montieren und an vorhandene Zuleitungen anschließen. Vorhandene Leuchten demontieren. Die vorhandene Beleuchtungssteuerung ist weiterzuverwenden.
Dokument B – Baubeschreibung, Abschnitt 2:
Die Büroflächen bleiben während der Maßnahme in Nutzung. Die Umsetzung erfolgt abschnittsweise.
In diesem Ausschnitt sind die Stückzahl, bestimmte Montageleistungen und zwei Randbedingungen genannt. Andere Punkte bleiben offen. Eine fachlich sinnvolle Rückfragenliste könnte beispielsweise so aussehen:
- Leuchtenspezifikation: Welcher Leuchtentyp beziehungsweise welche technischen und lichttechnischen Anforderungen sind vorgegeben? Bezug: Dokument A, Position 01.010.
- Vorhandene Steuerung: Welches System ist eingebaut, und welche Leistungen für Anpassung, Parametrierung und Inbetriebnahme werden erwartet? Bezug: Dokument A, Position 01.010.
- Zugang und Montagehöhe: Wie sind die Montagepunkte erreichbar, und wer stellt gegebenenfalls benötigte Zugangstechnik bereit? Im übergebenen Ausschnitt fehlen dazu Angaben.
- Entsorgung: Wer übernimmt Abtransport und Entsorgung der demontierten Leuchten? Dokument A nennt die Demontage, aber keine Entsorgung.
- Arbeitsfenster: Welche Arbeits- und Abschaltzeiten sind in den genutzten Büroflächen möglich? Bezug: Dokument B, Abschnitt 2.
Diese Liste ist eine redaktionell erstellte Beispielauswertung. Sie ist kein protokolliertes Ergebnis eines bestimmten KI-Produkts. Ein tatsächlicher KI-Durchlauf kann Punkte übersehen oder zusätzliche, unpassende Fragen erzeugen.
Vor dem Versand wäre zu prüfen, ob die Antworten bereits in anderen Anlagen stehen. Aus der Formulierung „vorhandene Beleuchtungssteuerung“ lässt sich zum Beispiel kein bestimmtes Steuerungssystem ableiten. Eine KI sollte hier auch keine fehlenden Eigenschaften ergänzen.
Eine Arbeitsanweisung zum Kopieren
Der folgende Text kann als Ausgangspunkt für einen freigegebenen KI-Assistenten dienen. Ergänzen Sie den beschriebenen Leistungsbereich und stellen Sie die relevanten Unterlagen bereit.
Arbeitsauftrag: Ausschreibung für die Angebotsvorbereitung auswerten
Unterstütze mich bei der Vorbereitung eines Angebots für elektrotechnische Leistungen. Werte ausschließlich die von mir bereitgestellten Dokumente aus.
Nenne zunächst, welche Dateien oder Textausschnitte du tatsächlich auswerten konntest. Kennzeichne nicht lesbare oder fehlende Unterlagen.
Erstelle anschließend einen kurzen Leistungsüberblick und eine Rückfragenliste. Verwende für jeden Punkt diese Felder: Dokument und Fundstelle, ausdrücklich genannte Information, offene Frage, möglicher Einfluss auf die Kalkulation.
Unterscheide Angaben aus den Unterlagen von deinen eigenen Prüfvorschlägen. Füge keine fehlenden Mengen, Preise, technischen Eigenschaften oder Vertragsbedingungen hinzu. Wenn du etwas in den bereitgestellten Unterlagen nicht findest, schreibe „nicht gefunden“. Erfinde keine Seitenzahlen oder Positionsnummern.
Achte besonders auf Lieferung, Montage, Rückbau, Entsorgung, Zugangstechnik, Arbeitszeiten, Schnittstellen, Inbetriebnahme und Dokumentation. Suche auch nach abweichenden Angaben zwischen den bereitgestellten Dokumenten.
Erstelle zum Abschluss einen sachlichen Entwurf für eine Bieteranfrage aus den offenen Punkten. Triff keine Entscheidung über die technische Zulässigkeit oder den anzubietenden Preis.
Eine genaue Arbeitsanweisung verbessert die Prüfbarkeit der gewünschten Ausgabe. Sie garantiert keine richtige oder vollständige Antwort. Das NIST beschreibt ausdrücklich, dass generative KI falsche Inhalte überzeugend darstellen und auch unzutreffende Quellenverweise liefern kann. Quelle: NIST AI 600-1, Abschnitt 2.2 und Prüfschritt MS-2.5-003.
Aus der KI-Ausgabe eine brauchbare Bieteranfrage machen
Gehen Sie jeden vorgeschlagenen Punkt am Original durch. Stimmt die genannte Fundstelle? Ist die Frage für das eigene Angebot relevant? Gibt es bereits eine Antwort in einer Anlage? Fassen Sie doppelte Fragen zusammen und streichen Sie Punkte, die auf einer falschen Annahme beruhen.
Eine Rückfrage sollte möglichst genau benennen, was für die Kalkulation noch fehlt. Aus „Bitte die Steuerung erläutern“ kann beispielsweise werden:
„Zu Position 01.010 bitten wir um Angabe des vorhandenen Beleuchtungssteuerungssystems. Bitte teilen Sie außerdem mit, welche Leistungen für Anpassung, Parametrierung und Inbetriebnahme durch den anbietenden Betrieb zu berücksichtigen sind.“
Übertragen Sie die geprüften Fragen in Ihre übliche Fragenliste oder Projektablage. Halten Sie die Antwort, deren Datum und den zugehörigen Dokumentenstand fest. So bleibt erkennbar, welche Annahmen vor der Angebotsabgabe geklärt wurden.
Auch Auftraggeber können diesen Ablauf einsetzen: Sie lassen ihre vorbereiteten Unterlagen aus Bietersicht auf mögliche Rückfragen durchsehen. Die Fachplanung bewertet anschließend, welche Ergänzungen erforderlich sind. Für einen vollständigen Ausgangspunkt hilft unsere Checkliste zu Unterlagen für Elektro-Ausschreibungen.
Bei Preisen und technischen Bewertungen gezielt prüfen
Für einen Angebotspreis benötigt der Betrieb passende Kalkulationsgrundlagen: aktuelle Einkaufskonditionen, nachvollziehbare Zeitansätze, Gerätekosten sowie die eigenen Zuschläge und Projektbedingungen. Wenn ein KI-Werkzeug Preisvorschläge liefert, sollte erkennbar sein, auf welchen Daten, welchem Leistungsumfang und welchem Zeitpunkt sie beruhen.
Ein Preisrichtwert ist nur dann für das konkrete Projekt brauchbar, wenn diese Voraussetzungen passen. Eine glatt formulierte Antwort allein macht aus einer Schätzung keine belastbare Kalkulation.
Dasselbe gilt für technische Bewertungen. Aussagen zur Eignung eines Bauteils oder zu einer erforderlichen Schutzmaßnahme müssen anhand der konkreten Planung, Herstellerunterlagen und einschlägigen Anforderungen fachlich überprüft werden. Für die hier beschriebene Aufgabe bleibt der KI-Einsatz deshalb auf das Ordnen von Informationen und das Vorbereiten von Fragen begrenzt.
Den Nutzen am eigenen Ablauf messen
Probieren Sie den Ablauf mit einem kleinen LV-Abschnitt aus, den Sie selbst gut beurteilen können. Vergleichen Sie die KI-Auswertung mit Ihrer fachlichen Prüfung:
- Welche wichtigen Rückfragen wurden erkannt?
- Welche Punkte wurden übersehen oder falsch verstanden?
- Wie viele Quellenverweise stimmen tatsächlich?
- Wie viel Zeit benötigen Vorbereitung, Auswertung und Nachkontrolle zusammen?
So können Sie entscheiden, für welche Aufgaben sich das Werkzeug in Ihrem Betrieb eignet. Die wichtigste Kennzahl ist der Aufwand bis zu einem fachlich brauchbaren Ergebnis.
Ein konkreter nächster Schritt: Nehmen Sie einen überschaubaren Ausschreibungsabschnitt, erstellen Sie eine geprüfte Rückfragenliste und nutzen Sie diese als Grundlage für die nächste Abstimmung mit dem Auftraggeber.
Quellen und Einordnung
Der Arbeitsablauf, die Arbeitsanweisung und das fiktive Elektro-Beispiel wurden für KOM Praxiswissen ausgearbeitet. Die folgenden Veröffentlichungen erläutern allgemeine Risiken generativer KI; sie sind keine Validierung des hier vorgeschlagenen Ablaufs:
- Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik: Generative KI-Modelle – Chancen und Risiken für Industrie und Behörden, insbesondere zum Umgang mit eingegebenen Daten.
- NIST: Artificial Intelligence Risk Management Framework – Generative Artificial Intelligence Profile, AI 600-1 (2024), insbesondere Abschnitt 2.2 und MS-2.5-003 zu fehlerhaften Ausgaben und Quellenprüfung.